FR Online 23.6.07 Politik Micha Brumlik: Ein neuer Kulturkampf ist entbrannt

Ein neuer Kulturkampf ist entbrannt
von Micha Brumlik

Bisher hatten sich die kirchenamtlichen Einwände der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der beispiellos einseitigen Kampagne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf eine lächerlich gemachte „feministisch-korrekte“ Übersetzungsweise bezogen (z. B. schreibt die neue Bibelübersetzung „Apostel und Apostelinnen“, wo im griechischen Urtext nur von „Aposteln“ die Rede ist). Nach all diesen Scheinauseinandersetzungen geht es jetzt um den Kern der Sache, zumal des lutherischen Bekenntnisses, um die so genannte Rechtfertigungslehre. …
So erweist sich die mediengestützte Abwehrschlacht gegen die „Bibel in gerechter Sprache“ als Reflex einer durch die Globalisierung und die mit ihr einhergehende kulturelle Pluralisierung verunsicherten, sehr deutschen, Identitätsformation, die – wie schon bei des alten Luthers paranoiden Ausfällen gegen das Judentum und die „Judaisierer“ – am Ende eine kleine, erstaunte Frage provoziert: Wie es nämlich sein kann, dass der Glaube an einen gnädigen Gott so viel Angst, Wut und Aggression gegen jene entfacht, die doch nur der Auffassung sind, dass nach Gottes Willen die Menschen durch ihr Tun oder Unterlassen für ihr Heil mitverantwortlich sind.