Skandal und Verbrechen

Begleiterscheinungen neuer Bibelübersetzungen

Das riskante 16. Jahrhundert

Prof. Dr. Martin Leutzsch, Mitherausgeber

in der Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt Nr. 2-2007

… Als Hieronymus Ende des 4. Jahrhunderts in kirchenamtlichem Auftrag eine einheitliche lateinische Bibelübersetzung schuf, führte bei einer gottesdienstlichen Erprobung im nordafrikanischen Oea seine Jona-Übersetzung zu einem Eklat. Es kam zu Tumulten in der Stadt, und Hieronymus’ Freund und Gegner Augustinus griff den Vorfall auf, um Hieronymus von seinem Übersetzungsvorhaben überhaupt abzubringen. Das Neue seiner Übersetzung verunsichere nur die christlichen HörerInnen und rufe Misstrauen gegenüber den seit alters gebrauchten, als inspiriert geltenden Übersetzungen hervor. Dabei hatte Hieronymus nur gewagt, die Pflanze, unter der Jona (4,6) saß, mit »Efeu« zu übersetzen; die Erwartungen der HörerInnen waren auf »Kürbis« eingestellt. Aber nicht nur die Erwartungen: Jona unter dem Kürbis war eines der esten Motive der aufblühenden Antiken christlichen Kunst: Bemalte Kirchenwände, Mosaiken, Reliefs auf Sarkophagen standen in Frage, falls Hieronymus’ Übersetzung die zutreffendere war. Hieronymus’ Übersetzung – einschließlich des »Efeus« – setzte sich im Lauf der Jahrhunderte durch und ist seit dem Konzil von Trient für die römisch-katholische Kirche der verbindliche Bibeltext…