Röm 12,1: »Ich ermahne euch, liebe Brüder« oder: »Ich ermutige euch, Geschwister«?

Die weit verbreitete Übersetzung »ich ermahne euch, liebe Brüder«
(u. a. Luther 1545 bis 1984, Elberfelder Bibel, Einheitsübersetzung) nimmt die soziale Realität in den ersten Gemeinden ganz anders wahr als die Wiedergabe mit »ich ermutige euch, Geschwister« (Bibel in ge­rechter Sprache). Laut Wörterbuch ist adelphoi (Grundbedeutung: »Brü­der«) dann mit »Geschwister« zu übersetzen, wenn es Frauen und Män­ner meint. Dass Frauen in den Gemeinden wichtige Aufgaben hatten und »Schwestern« genannt wurden, zeigt die Grußliste in Röm 161–16. Die Gute Nachricht schreibt daher: »Brüder und Schwestern«.

Werden sie nun »ermahnt« oder »ermutigt«? Das griechische Wort parakaleo kommt von kaleo – »rufen«. Laut Wörterbuch bedeutet parakaleo »herbeirufen«/»trösten«/»ermutigen«/»zu Hilfe rufen«/»er­mahnen«/»bitten«/»auffordern«. In Joh 1426 verheißt Jesus den Sei­nen, nach seinem Tod werde Gott ihnen einen paraklet senden. Gän­gige Bibeln übersetzen mit »Beistand«/»Tröster«/»Helfer«. Wenn Paulus die Gemeinden anredet, übersetzen dagegen fast alle Bibel-ausgaben parakaleo mit »ermahnen«. Der deutsche Begriff gehört in den Kontext autoritärer Erziehung. Die Wirklichkeit in den ersten Gemeinden war anders. Paulus hat kein Recht, Weisungen zu erteilen (103). Er »versteht sich als Bruder in der Geschwisterschaft, die sich für das Evangelium einsetzt und ihren Alltag nach der Tora Gottes gestalten will« (Janssen). Dazu will Paulus ermutigen, denn unter der Herrschaft Roms ist es nicht leicht, nach Gottes Willen zu leben. (Röm 12,1–3):

1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. Dann wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene. 3Durch die Befähigung, die Gott mir geschenkt hat, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vor­habt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben.

ZUM WEITERLESEN:
•  Janssen, »Ich ermutige euch, Geschwister …«