Ps 90,2: Gott als Frau, die gebiert?

An vielen Stellen spricht die Bibel von Gottes Mutterschoß, z. B. Jes 46,3: »Hört mir zu, Haus Jakob, (…) mir aufgeladen von Mutterleib an, getragen vom Mutterschoß an.« In der lateinischen Bibelüber­setzung von Hieronymus (4. Jahrhundert n. Chr.) wird mit uterus und vulva übersetzt. In Jes 4214 sagt Gott von sich: »Wie eine Gebärende will ich stöhnen, hecheln und dabei nach Luft schnappen«. Etliche Bibeln, darunter Luther, wollen die Bilder des Hebräischen nicht wahrhaben, nach denen Gott gebiert oder zeugt. Sie übersetzen z. B. in Ps 90,2 die hebräischen Wörter für »gebären« und »kreißen« passi­visch mit »(geschaffen) werden«, obwohl die hebräischen Verben im Aktiv stehen. Andere Übersetzungen nehmen immerhin wahr, dass die Erde »gebiert« und »kreißt«. Aber dass Gott Subjekt des Gebärens ist, wird wegübersetzt: »Ehe die Berge wurden geboren, Erde kreißte und Welt, von Zeiten her bis in Zeiten Gottheit bist du« (Ps 90,2 in Buber/Rosenzweig). Die Bibel in gerechter Spreche versucht, mög­lichst nahe am hebräischen Bild zu sein: »Bevor die Berge geboren wurden und du unter Wehen Erde und Erdkreis geboren hast – durch alle Zeiten bist du, Gott.« Auch in Hiob 38,28–29 legt die Bibel in gerechter Sprache das männli­che und weibliche Bild von Gott frei: »Gibt es für den Regen einen Vater oder wer hat die Tropfen des Taus gezeugt? Aus wessen Schoß ist das Eis hervorgegangen und der Reif des Himmels – wer hat ihn geboren?« Luther (1984) spricht nur von »gezeugt«.

ZUM WEITERLESEN:
Crüsemann, Übersetzt die Bibel in gerechter Sprache genau genug?
• Frettlöh, Gottes Mutterschößigkeit