Mk 15,41: »Dienen« oder »in der Verkündigung und in der Versorgung der Gruppe arbeiten«?

Die griechischen Wörter diakoneo/diakonia (»dienen«/»Dienst«) be­ziehen sich zur Zeit des Neuen Testaments auf Menschen, die in ei­nem Unterwerfungsverhältnis stehen. Es sind fast durchgehend Sklavinnen und Sklaven oder Frauen, die zwar nicht versklavt sind, aber unter patriarchaler Herrschaft stehen. Diese Menschen haben abhängige, verachtete Arbeit für Höhergestellte zu leisten. Beispiele dafür finden sich im Neuen Testament. Laut Lk 17,7–10 obliegt Sklavin­nen und Sklaven Feld- und Hausarbeit gleichermaßen, ohne dass sie Anrecht auf Pausen hätten:

7Wer aber von euch hat Sklavinnen und Sklaven auf dem Acker oder auf der Weide und würde zu ihnen sagen, wenn sie von draußen her­einkommen: »Kommt gleich zu Tisch!« 8Würdest du nicht eher zu ihnen sagen: »Bereitet mir etwas zu essen, legt euch eine Schürze um und dient (diakoneo) mir, bis ich gegessen und getrunken habe. Danach sollt ihr essen und trinken.« 9Bist du etwa den Sklavinnen und Sklaven dankbar dafür, dass sie getan haben, was befohlen worden war?

Versklavte Menschen müssen Essen bereiten und so lange bedienen, bis die Herrschaft fertig ist (Lk 17,8). Sie haben Gästen die Füße zu waschen, wie Joh 13,4–6 voraussetzt. Auf Anordnung ihrer Herrschaft müssen sie unwillkommene Gäste fesseln und hinauswerfen (Mt 22,13). Wenn kein Sklave oder Sklavin zur Verfügung steht, ist diese niedrig angesehene Versorgungsarbeit Aufgabe von nicht-versklavten Frauen (Joh 12,2). In Lk 10,38–42 geht es um den Konflikt zwischen Ma­ria und Marta, ob es recht sei, dass die eine Frau diene (diakoneo), während die andere Frau Jesu Schülerin sei. Jesu Lösung besteht nicht darin, dass er – der Mann – diakoneo auf alle verteilt und sich daran beteiligt. Sondern »Jesus erwartet wie alle Männer im Patriar­chat, dass die Hausarbeit geräuschlos und unsichtbar erledigt wird« (Schottroff, S. 301).
Wie selbstverständlich diese Arbeitsverteilung ist, belegt auch au­ßerbiblische antike Literatur. Im Roman von Apuleius: »Metamorpho­sen oder: Der goldene Esel« muss die Sklavin Photos einem Gast in jeder Weise dienen (diakoneo). Sie transportiert sein Gepäck, bereitet ihm das Bad, das Essen, das Bett und muss sogar mit ihm schlafen. Danach versorgt sie ihre Herrin und spült das Essgeschirr. In der Le­bensbeschreibung »Das Leben des Aesop« klagt der Sklave Aesop:

Wie lästig ist die überkommene Knechtschaft. Den Göttern wäre sie
sowieso verhasst: ›Aesop, mach das Tischlager fertig! Aesop, heize das Bad! Aesop, füttere das Vieh!‹ Alles, was mühsam, anstrengend,
schmerzhaft oder erniedrigend ist, muss Aesop erledigen.
(Zitiert nach Schottroff, S. 300)

Diakoneo (»dienen«) markiert eine scharfe gesellschaftliche Grenze. Kein freier, wohlhabender Mann hätte in der Antike solche Arbeit getan. Die Nachfolgegemeinschaft Jesu kehrt diese ungerechten Verhältnisse um (Mk 10,42–45):

42Da rief Jesus sie zu sich und sagte zu ihnen: »Ihr wisst doch: Die als Herrscherinnen und Herrscher über die Völker gelten, herrschen mit Gewalt über sie, und ihre Anführer missbrauchen ihre Amtsgewalt ge­gen sie.43Bei euch soll das nicht so sein! Im Gegenteil: Wer bei euch hoch angesehen und mächtig sein will, soll euch dienen (diakonos), 44und wer an erster Stelle stehen will, soll allen wie ein Sklave oder eine Sklavin zu Diensten stehen. 45Denn der Mensch ist nicht gekommen, um sich bedienen (diakoneo) zu lassen, sondern um zu dienen (diako­neo) und das eigene Leben als Lösegeld für alle zu geben.«

Diakoneo/diakonia kennzeichnen die gesamte Lebensweise der Gruppe um Jesus. Es ist geradezu ein Spezialbegriff für Nachfolge
(z. B. Joh 12,26) und schließt Verkündigung und Fürsorge ein. Die ge­sellschaftliche »Dienst«-Grenze soll aufgehoben sein. Statt Herrschaft und Privilegien soll eine Praxis der Geschwisterlichkeit und Gegen­seitigkeit als Leib Christi (Röm 12,5; 1 Kor 12,25) gelebt werden. Anders als in der griechisch-römischen Gesellschaft sind in der Nachfolge­gemeinschaft Jesu Leitungsarbeit und Versorgungsarbeit nicht von­einander getrennt. Frauen und Männer, Versklavte und Freie sollen sich gleichermaßen beteiligen. Darum wird diakoneo in Mk 15,41 über­setzt: »Diese Frauen waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten mit ihm in der Verkündigung und in der Versorgung der Gruppe gearbeitet (diakoneo).« In der Parallelstelle in Mt 27,55 heißt es: »Sie waren Jesus von Galiläa an gefolgt, um mit ihm zu arbeiten (diakoneo).« Die Übersetzerin von Lk 8,3 entscheidet sich für: »die ih­nen nach ihrem Vermögen dienten (diakoneo).« An allen drei Stellen steht diakoneo am Rand. Es lädt dazu ein, dessen Bedeutungsbreite im Glossar (53) nachzuschlagen und so die Übersetzungsentschei­dungen nachzuvollziehen. Leider geht der Aufbruch der Frauen und der Versklavten aus patri­archaler Unterdrückung schon bald wieder verloren. Das spiegeln die Diskussionen in den Briefen an Timotheus und Titus sowie die so genannte »Haustafel« in Kol 3,18–4,1. Sie reagieren auf die Praxis, dass Frauen gleichberechtigt am Leben der Gemeinde teilhaben, und ver­suchen, die Unterordnung von Frauen und von versklavten Men­schen (Kol 3,18+22) zu begründen und wieder einzuführen.

Zu diakoneo gehört diakonos. Es bezeichnet Diakone und Diakonin­nen. In Röm 161 stellt Paulus Phöbe vor, die laut Elberfelder Bibel »eine Dienerin der Gemeinde in Kenchreä ist«. Hinter »Dienerin« steht das griechische Wort diakonos. Wenn es Männer bezeichnet
(z. B. Phil 1,1; 1 Tim 3,8), wird es immer mit »Diakon« übersetzt. Dass Frauen »dienen«, Männer aber »Diakone sind«, diese Unterscheidung entlang der Geschlechtergrenze wird den Texten nicht gerecht. In den ersten Gemeinden hatten Frauen und Männer Leitungsaufga­ben, wozu auch die Verkündigung gehörte. Phöbe hat die gleiche Position wie männliche Diakone. Einige Bibelübersetzungen nehmen das wahr, z. B. die Gute Nachricht: »Ich empfehle euch unsere Schwes­ter Phöbe; sie ist Diakonin der Gemeinde in Kenchreä« (Röm 16,1).

ZUM WEITERLESEN:
• Schottroff, Lydias ungeduldige Schwestern, besonders S. 297–325