Lk 10,25: Will ein Schriftgelehrter Jesus »eine Falle stellen« oder »ihn gründlich befragen«?

Das griechische Wort peirazein kann »versuchen«, »ausprobieren«, »etwas genau wissen wollen«, »untersuchen« oder »auf die Probe stellen« bedeuten. Wenn es um Jesus und pharisäische Menschen ( 27) bzw. Schriftgelehrte geht, geben viele Übersetzungen es mit »eine Falle stellen« oder »versuchen« im negativen Sinne wieder. Die Gute Nachricht Bibel schreibt z. B.: »Einer von ihnen, ein Gesetzes­lehrer, stellte Jesus eine Falle« (Mt 22,35). In der Einheitsübersetzung steht: »Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen« (Mk 10,2). Es sind voreingenommene, antijüdische Übersetzungen. Sie blenden aus, dass es um ernsthafte Diskussionen über die Be­deutung der Tora im Alltag geht. Jesus und pharisäische Leute dis­kutieren oft miteinander, z. B. beim Gespräch mit Nikodemus (Joh 3) oder in Mk 12,28–34, wo ein Schriftgelehrter und Jesus sich in der Grundsatzfrage einig sind, welches das größte Gebot ist. Bei solchen Diskussionen geht es immer auch darum, herauszufinden, ob das Gegenüber wirklich die Tora kennt, ob also ein Gespräch auf Augen­höhe möglich ist. Solches nimmt die Bibel in gerechter Sprache wahr, wenn sie übersetzt: »Ein Toragelehrter (27+81) erhob sich, um ihn gründlich zu befragen und sprach: ›Lehrer, was muss ich tun, damit ich am ewigen Leben Anteil erhalten werde?‹ Jesus sprach zu ihm: ›Was ist in der Tora geschrieben?‹ (…)« Der Toragelehrte zitiert das Liebesgebot aus Lev 19,18. »Jesus sagt: »Du hast richtig geantwortet. Handle so und du wirst leben« (Lk 10,25–28).

ZUM WEITERLESEN:
• Crüsemann, Einig über die Nächstenliebe