Lk 1,38: »Magd des Herrn« oder »Sklavin Gottes«?

Eine Übersetzung der Begriffe amah bzw. eved (hebräisch) und doule bzw. doulos (griechisch) muss berücksichtigen, wie Sklavinnen und Sklaven in der Antike gelebt haben. Zur Zeit des Römischen Reiches war die Gesellschaft von der Arbeit versklavter Menschen abhängig. Viele lebten unter extrem grausamen Bedingungen. Die Sklaverei betraf massenhaft Frauen, Männer und Kinder. Ursachen waren Kriegsgefangenschaft, Verschuldung, politischer Widerstand, Kindesaussetzung und -verkauf, Geburt durch eine versklavte Mutter. Das jüdische Volk, das im Römischen Reich lebte, hatte aktiv und passiv Anteil daran. Es herrschte eine absolute Sklaverei, in der die Men­schen dem Zugriff ihrer Herrschaft mit dem ganzen Körper ausge­liefert waren. »Alle Formen von Gewalt sind üblich und weitgehend legal: Geschlagenwerden, sexuelle Gewalt, Folter, Ermordung« (Luise Schottroff ). Sklaverei im alten Israel zur Zeit der Entstehung der Hebräischen Bibel unterscheidet sich dagegen sehr von den Bedingungen im Römischen Reich. Sie ist nicht durch den unbegrenzten Zugriff auf Menschen und Gewalt bestimmt. Aber Sklaverei ist auch hier ein Abhängigkeitsverhältnis, das es nach dem Willen Gottes nicht geben soll. Toravorschriften zum Schutz für versklavte Menschen, z. B. Ex 21,1–11, treten dafür ein, die Bedingungen einigermaßen erträglich zu halten.
Die Wörter amah bzw. eved (hebräisch) und doule bzw. doulos (grie­chisch) werden oft mit »Magd« bzw. »Knecht«, manchmal sogar mit »Dienerin« bzw. »Diener« übersetzt. Solche Übersetzungen blenden die soziale Realität aus, in der die Menschen leben mussten. Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt daher z. B. in Lk 13,8: »Maria sagte: ›Siehe, ich bin die Sklavin Gottes«. Sklavin Gottes zu sein erteilt aller menschlichen Herrschaft eine Absage.

ZUM WEITERLESEN:
•  Schottroff, »Sklaverei Neues Testament«