Ex 20,17: »Giere nicht!« oder: »Du sollst nicht begehren!«?

»Giere nicht nach dem, was zu deinem Mitmenschen gehört, weder nach seiner Partnerin oder seinem Partner, noch nach seinem Skla­ven oder seiner Sklavin, nicht nach seinem Rind oder Esel, noch nach irgendetwas, das ihm oder ihr gehört« – so übersetzt die Bibel in gerechter Sprache das letzte der Zehn Worte vom Sinai in Ex 20,17. Die Parallele in Dtn 5,21 lautet: »Sei nicht auf den Partner oder die Partnerin anderer aus! Sei nicht auf das Haus anderer aus, weder auf ihr Feld, ihre Sklaven oder ihre Sklavinnen, noch ihre Rinder, Esel oder irgendetwas, was ihnen gehört!«
Fast alle gängigen Bibeln übersetzen das hebräische Wort chamad im Unterschied dazu mit »begehren«. Dabei umfasst chamad weit mehr, nämlich alle Arten, mit denen Menschen danach trachten, ihre Nächsten und deren Besitz an sich zu bringen, »vom Begehren über das Planen bis hin zur Realisation. Es geht um alle Möglichkeiten, einem anderen Menschen die Lebensgrundlage und damit die Frei­heit zu rauben« (Crüsemann, S. 99). Dazu gehören Machenschaften, die zwar (noch) legal sind, die aber dennoch anderen schaden und sie ausbeuten, z. B. Menschen in eine Schuldenfalle zu treiben, um deren Besitz an sich zu bringen. Schon Luther war bewusst, dass es nicht nur um Sünden in Gedanken und um Innerlichkeit geht. Er warnt: »Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächs­ten nicht mit List nach seinem Erbe oder Hause trachten und mit einem Schein des Rechts an uns bringen, sondern ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienlich sein. (…) Hier aber ist auch ver­wehrt, dem Nächsten etwas abzulocken, selbst wenn man vor der Welt mit Ehren dazu kommen kann, so dass niemand dich zu be­schuldigen oder zu tadeln wagt, als habest du’s mit Unrecht erwor­ben« (Luther, Kleiner bzw. Großer Katechismus). Die Übersetzungen »giere nicht« bzw. »aus sein auf« versuchen, der Bedeutung des he­bräischen Wortes chamad näher zu kommen, als es mit »begehren« möglich ist.

ZUM WEITERLESEN:
• Crüsemann, Maßstab: Tora, besonders »Dekalog? Fünf Sätze zum Verständnis des Dekalogs«, S. 57–66, und »Damit ›Kain nicht Kain wird‹. Die Wurzeln der Gewalt und ihre Überwindung in biblischer Sicht«, S. 88–104