Est 8,11: Wer greift Kinder und Frauen an?

Est 8,11 ist ein besonders extremes Beispiel antijüdischer Übersetzung. Das Buch Ester enthält eine Legende, die am persischen Hof spielt. Sie erzählt, dass wegen einer Intrige des Hofbeamten Haman das Gesetz erlassen wird, in einem Pogrom »alle Jüdinnen und Juden, von den Jungen bis zu den Alten, Kinder und Frauen, an einem Tag, nämlich am 13. des zwölften Monats (…) auszurotten, zu erschlagen, zu vernichten und ihre Habe zu plündern« (Est 3,13). Ester, die persi­sche Königin und Jüdin, bringt durch klugen und mutigen Einsatz ihren Mann dazu, ein neues Gesetz zu erlassen. Es erlaubt ihren jü­dischen Geschwistern, sich zu wehren. In 8,11 wird dem Volk dieser Erlass verkündet. Der Vers wird so übersetzt:

Luther (1545)
Darinnen der König den Jüden gab /wo sie in Sted­ten waren / sich zuuersamlen vnd zu stehen fur jr Leben / vnd zu vertilgen / zu erwürgen vnd vmb zubringen alle macht des Volcks vnd Landes / die sie engsteten / sampt den kindern vnd wei­bern.  

Luther (1912) 
… darin der König den Juden Macht gab, in wel­chen Städten sie auch waren, sich zu versammeln  und zu stehen für ihr Leben und zu vertilgen, zu erwürgen und umzubringen alle Macht des Volkes und Landes, die sie ängsteten, samt den Kindern und Weibern.  

Luther (1984)
… alle Macht des Volks und Landes, die sie angrei­fen würden, zu vertilgen, zu töten und umzubrin­gen samt den Kindern und Frauen.

Einheitsübersetzung
… alle  ihre Gegner samt ihren Frauen und Kin­dern zu erschlagen, zu ermorden und auszurot­ten.

Hoffnung für alle 
… alle ihre Gegner samt ihren Frauen und Kin­dern zu erschlagen, zu ermorden und auszurot­ten.

Gute Nachricht 
… sich zum Schutz ihres Lebens zusammenzutun  
und alle zu töten, zu vernichten und auszurotten, die ihnen und ihren Frauen und Kindern Gewalt an­ tun wollen – und zwar überall im Reich, wo das vor­ kommt, unter allen Völkern und in allen Provinzen. 

Bibel in gerechter Sprache 
… dass der König den Jüdinnen und Juden in jeder einzelnen Stadt die Erlaubnis gab, sich zu versam­meln und für ihr Leben einzutreten. Ihnen wurde genehmigt, alle Schlägertruppen von Volk und Provinz auszurotten, zu erschlagen und zu vernich­ten, die sie, Kinder und Frauen bedrängen wür­den.  

Die verschiedenen Übersetzungen beziehen die Formulierung »Kinder und Frauen« auf unterschiedliche Gruppen. Geht es hier um jüdische Frauen und Kinder, die bedrängt werden? Oder ist es jüdischen Men­schen erlaubt, die Frauen und Kinder ihrer Gegner zu töten? Luther 1545 und 1912 lassen es noch offen. Aber in der zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts – nach dem millionenfachen Mord an jüdischen Frauen, Männern und Kindern – ist in den revidierten Lutherüberset­zungen von 1964/75 und 1984 unmissverständlich zu lesen, dass jü­dische Menschen Frauen und Kinder ermorden dürfen. Genauso steht es in der Einheitsübersetzung und Hoffnung für alle. Eine positive Aus­nahme ist die Gute-Nachricht-Bibel.
Dabei ist das Hebräische eindeutig. Sowohl die Wortstellung als auch die Vokalzeichen unter den Buchstaben führen zu dem Sinn, in dem die Gute Nachricht und die Bibel in gerechter Sprache übersetzen. Jüdische Menschen sind Opfer von Gewalt – so das Buch Ester – und nicht solche, die Wehrlose töten. Es geht nicht um blinde Rache, son­dern um Verteidigung gegen »Schlägertruppen«, die sogar Kinder morden, wie es das Hebräische sagt und wie es in der Bibel in ge­rechter Sprache ganz deutlich zu lesen ist.

ZUM WEITERLESEN:
Wengst, Übersetzen in Verantwortung vor dem Judentum
• Kessler: Die Juden als Kindes- und Frauenmörder?
Leutzsch, Statement zu Antijudaismus,
• Wacker, Ester