2 Sam 13,20: Bleibt Tamar »einsam« oder »völlig zerstört« im Hause ihres Bruders Abschalom?

2 Sam 13 erzählt, dass die Königstochter Tamar von ihrem Halbbru­der Amnon vergewaltigt wird. Nach damals geltendem Recht hätte Amnon sie jetzt heiraten müssen – eine heute undenkbare Vorstel­lung. In der damaligen Zeit war es ein Schutz für die Frau. Amnon weigert sich. Er lässt Tamar hinauswerfen. Sie flüchtet sich zu ihrem Halbbruder Abschalom. Fast alle deutschsprachigen Bibeln überset­zen ähnlich wie die Einheitsübersetzung: »Von da an lebte Tamar einsam (schamam) im Haus ihres Bruders Abschalom«. Diese Über­setzung vermittelt den Eindruck, Tamar sei »einsam« im Sinne von »allein«, weil sie nicht verheiratet ist.
Ulrike Bail hat herausgearbeitet, dass schamam mit »einsam« nur sehr unzureichend wiedergegeben ist. Schamam meint äußerste Zerstörung. Es wird verwendet für die Wüste als lebensfeindlicher Raum (Joel 2,3) oder für im Krieg völlig zerstörte Städte (Jes 49,19), die dadurch unbewohnbar (Jer 49,33) und Orte des Todes (Ez 12,19) sind. Durch schamam wird Tamar beschrieben »als eine, deren Leben nahe dem Totenreich ist (vgl. Ps 88,5–6). Sie hat den sozialen Tod erfahren; abgeschnitten von der Gemeinschaft lebt sie als eine Geächtete, wie eine ›lebendig Begrabene‹ ohne Perspektive in Abschaloms Haus« (Bail, S. 198). Eine Übersetzung von schamam mit »einsam« nivelliert die Folgen einer Vergewaltigung bis zur Unkenntlichkeit. Die Bibel in gerechter Sprache wirkt dem entgegen und übersetzt: »So blieb Tamar völlig zerstört im Haus ihres Bruders Abschalom wohnen« (2 Sam 13,20).
ZUM WEITERLESEN:
•  Bail, Gegen das Schweigen klagen, besonders S. 196–201