2 Kor 8,4–9: »Gnade« oder »Zuwendung«?

Dem griechischen Wort charis entspricht im Hebräischen chesed. Beide werden meist mit »Gnade« übersetzt. Sie bedeuten jedoch weit mehr. Im Glossar (53) der Bibel in gerechter Sprache ist dies unter charis und chesed nachzulesen. Laut Wörterbuch kann damit
u. a. »Zuneigung«, »Zuwendung«, »Wohltat«, »Dank«, »Anmut«, »Freundlichkeit«, »Gnade«, »Güte« gemeint sein. Die alleinige Wie­dergabe mit »Gnade« ist eine Engführung. Sie suggeriert, es gehe um etwas, das hierarchisch von oben nach unten gewährt wird, wie es in »Gnade vor Recht« oder »begnadigen« anklingt. Charis ist gegenseitige, freundliche, herzliche, gütige Zuwendung von Mensch zu Mensch oder zwischen Gott und Mensch. Es um­schließt zwischenmenschliche Hilfe z. B. in der Nachbarschaft, die Mitmenschen leisten, ohne dazu formal-rechtlich verpflichtet zu sein. Es ist Haltung und Tun zugleich. Das Beziehungsgefl echt, das charis ausdrückt, durchzieht den Zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Paulus schreibt von Gottes oder Christi charis (z. B. 2 Kor 1,2+11+12; 4,15; 6,1; 8,1; 9,14; 12,9; 13,13) und im gleichen Atemzug von der charis der Menschen (z. B. 1,15; 9,8). Wie sehr charis ganz Konkretes umfasst, wird in Kapitel 8 deutlich. Einige der im Römischen Reich verstreuten Gemeinden haben für die Muttergemeinde in Jerusalem Spenden gesammelt. Dieses Geld wird charis genannt (8,4+6+7). Im gleichen Text wird von der charis Jesu Christi (8,9) und von charis als Dank und Ehre an Gott (8,16+19) gespro­chen. Viele Bibelübersetzungen unterscheiden die materielle von der nichtmateriellen charis, obwohl es im Griechischen das gleiche Wort ist. Anders als im übrigen Brief übersetzen sie in 8,4–7 in Bezug auf die Kollekte mit »Liebeswerk« (Einheitsübersetzung) oder »Wohl­tat« (Luther 1984). Marlene Crüsemann, die Übersetzerin von 2 Kor, gibt charis mit »Zuneigung« oder »Zuwendung« wieder: Damit nähert sich Marlene Crüsemann dem Gleichklang des Grie­chischen an, denn »Zuwendung« ist im Deutschen genauso doppel­deutig wie charis in 2 Kor 8: »Geld zuwenden« oder »sich einander in Liebe und Gegenseitigkeit zuwenden«. Bei der Spendensammlung fließt beides ineinander.

2 Kor 8,3–9+19:
3Denn sie [die mazedonischen Gemeinden]  
haben, so viel sie konnten, ja, ich bezeuge, mehr als sie  
konnten, aus eigenem Entschluss gespendet. 4Sie haben  
uns nachdrücklich um die Zuwendung und Gemein­schaft gebeten, die sich aus der Unterstützung der hei­ligen Schwestern und Brüder in Jerusalem ergibt. 5Und sie gaben nicht nur, wie wir es erhofften, nein: Sie haben sich selbst gegeben, zuerst dem Ewigen und auch  
uns, wie es Gottes Wille war. 6Also haben wir Titus ermutigt, diese freundliche Zuwendung (…) zu vollenden. Aber wie ihr in allem reich seid, im Vertrauen und Wort,  im Erkennen und großer Hingabe, in der Liebe, die ihr  von uns bekommen habt und die unter euch lebt, so  gebt auch reichlich für diese Zuwendung. (…) 9Erkennt doch die liebende Zuwendung Jesu Christi, der uns lei­tet: Er, der reich war, ist um euretwillen arm geworden, damit ihr durch seine Armut reich werden sollt. (…)  
19Doch nicht nur das, er [Titus] ist sogar von den Gemein­den zu unserem Weggefährten gewählt worden, wenn wir diese Zuwendung zur Ehre  Kdes Ewigens und als  Zeichen unserer Hilfsbereitschaft nach Jerusalem brin­gen.