Opfer.

Die unterschiedlichen biblischen Opferarten stellen, wie es die seltenen zusammenfassenden Begriffe sagen (mincha, Gabe, Geschenk, [Gen 4,3]; korban, wörtl. Nahegebrachtes, Darreichung [Lev 9,7], auch im NT doron, Gabe [Mt 5,23]), Gaben an Gott dar, meist aus freudigem Anlass. Dagegen werden weder Gewalt-opfer (engl. victim) mit diesen Worten bezeichnet noch geht es um besonders schmerzhafte Abgaben (im Deutschen: echte Opfer bringen). – Die meisten Texte sind männlich formuliert, aber es gibt eindeutige Hinweise, dass auch Frauen geopfert haben (Num 5,5-7; 1 Sam 2 f).

sebach (hebr.), Schlachtopfer, Schlachtgabe, von sabachschlachten. Dies ist das wichtigste Opfer, wenn Menschen feiern. Anlass ist vor allem Dank, z. B. nach einer Rettung aus Krankheit oder Not (Lev 7,12; Ps 107,22). Das Fleisch wird in fröhlicher Runde gemeinsam verzehrt, es geht um Gemeinschaft mit Menschen und mit Gott. Daraus erwächst in Ps 22,26-32 die Einladung zu einem Mahl mit allen Armen, allen Völkern, den Toten und den zukünftigen Generationen.

schelamim (hebr.), Heilsopfer, Gemeinschaftsopfer, Schlussopfer, Mahlgabe. Von schalamganz, heil sein. Damit dürfte einmal eine eigene Opferart gemeint gewesen sein, es ist aber jetzt meist mit sebach zu einer Einheit verbunden (Schlachtmahlgabe; bes. Lev 3). Bedeutung wie Anlässe sind deshalb ununterscheidbar.

mincha (hebr.), Gabe, Speisopfer, Speisegabe, pflanzliche Gabe. Das Wort bedeutet allgemein Gabe, auch Tribut (Ri 3,15), ist aber dann zum Fachbegriff für vegetabilische Opfer, nämlich die Darbringung von Mehl, Gries, Öl geworden. Nach Lev 2 werden daraus Fladenbrote, Grieskuchen u. Ä. gebacken und gesalzen (V. 13). Zusammen mit dem Sebach(-Schelamim) entsteht so eine ganze Mahlzeit.

ola (hebr.), Brandopfer, Ganzopfer, Brandgabe. Von ala – aufsteigen (lassen). Dabei wird das gesamte Tier vollständig verbrannt und steigt als Rauch auf. Es ist die häufigste Opferart und gehört zu besonderen Anlässen. So opfert Noach nach der Flut (Gen 8,20) und die Freunde Hiobs nach der Gotteserscheinung (Hiob 42,8); es prägt die großen öffentlichen Feste Israels. Die griechische Übersetzung sagt holokautoma, die lateinische macht daraus holocaustum, d. h. als Ganzes verbrannt. Dieser Begriff ist in der Nachkriegszeit als Bezeichnung für das unbeschreibliche Geschehen des Holocaust aufgegriffen worden, was aber auf deutliche Kritik gestoßen ist (Alternative: Schoa / Katastrophe).

chattat (hebr.), Sündopfer, Reinigungsgabe, und ascham (hebr.), Schuldopfer, Schuldgabe. Das Eigentümliche dieser Opferarten zeigt ihr Name: Es sind Worte für Verfehlung, Sünde (darum zu chattat auch ↑ Sünde) bzw. Schuld, Schuldverpflichtung (ascham), die also zugleich ihre kultische Verarbeitung bezeichnen. Sie werden nach einer – unfreiwillig begangenen (Lev 4,2.27 f; 5,17-19) – Übertretung von Rechten und Geboten dargebracht und setzen Entschädigung der und Versöhnung mit den Geschädigten voraus (bes. Num 5,5-7; vgl. Mt 5,23 f). Ihr Spezifikum ist ein Ritus, bei dem Blut des Opfertieres an den Altar gesprengt (Lev 4,6.30) und dadurch Sühne [↑ kipper] bewirkt wird. Der Ritus zielt nicht auf eine Umstimmung Gottes, sondern ist Ausdruck dessen, dass (wie im christlichen Gottesdienst) Gottes Vergebungsbereitschaft durch Bekenntnis und Vergebungszuspruch Gestalt gewinnt. Die Innenseite solcher Riten zeigt z. B. Ps 51.

Menschenopfer sind in der Umwelt Israels und in einer Reihe von atl. Texten bezeugt (Ri 11; 2 Kön 3,27; Ez 16,20; 20,25 f; Mi 6,6 f u. ö.). Sie werden im AT grundsätzlich negativ bewertet und sind in der Tora verboten (Lev 18,21; 20,2-5; Dtn 18,10). Gen 22, wo Isaak auf Befehl Gottes als ola / Brandopfer dargebracht werden soll, ist als Sonderfall kein Gegenbeweis, da der Engel adonajs von diesem Befehl elohims befreit, es also um eine Spannung im Gottesbild und eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Traditionen geht.

Opferkritik findet sich in Prophetie und Weisheit und gibt entscheidende Anstöße zu einem symbolischen Umgang mit Opferbegriffen. Danach will Gott Recht und Gerechtigkeit statt Opfer (Am 5,24) und zieht solches Verhalten jedem sebach vor (Spr 21,3; vgl. Jes 1,17). Von großer Wirkung war Hos 6,6: Güte gefällt mir und nicht Schlachtopfer (vgl. Ps 50,7-15.23: Dank; 1 Sam 15,22: Gehorsam). Es geht nicht um die Abschaffung der Opfer, sondern um ihre theologische Wertung. Doch wird so der Grund gelegt für die Möglichkeit, ohne Tempel vor Gott zu leben.

thysia (griech.), Opfer, Gabe. Der Begriff ist breiter als die hebr. Fachbegriffe. Bei der Übersetzung des AT ins Griechische wird das Wort z. B. zur Wiedergabe von sebach wie mincha gebraucht und bezeichnet also verschiedene Opferarten. Im Urchristentum wird der Opferkult in Jerusalem in der Zeit vor 70 n. Chr., d. h., solange der Tempel steht, wie selbstverständlich vorausgesetzt (Mt 5,23; 8,4; Lk 2,22-24) und positiv bewertet (1 Kor 10,18). Paulus und andere jüdische Anhängerinnen und Anhänger Jesu haben weiter daran teilgenommen (Apg 2,46; 21,26). Wo Kritik formuliert wird, liegt sie ganz auf der Linie der atl. Texte; dabei wird Hos 6,6 mehrfach zitiert (Mt 9,13; 12,7; vgl. Mk 12,33 u. ö.). Nach Röm 12,1 besteht der vernunftgemäße(r) Gottes-Dienst der messianischen Gemeinden darin, ihre Körper als lebendige und heilige Gabe (thysia) darzubringen.

Götzenopferfleisch, also Fleisch von Tieren, das für fremde Gottheiten geopfert wurde (1 Kor 8,1), ist in den Städten des römischen Reiches das einzige Fleisch, das auf dem Markt zu kaufen war. Das warf in den urchristlichen Gemeinden grundsätzliche Probleme auf. Während es die einen als schlimmen Abfall ansahen davon zu essen (Apg 15,29; Offb 2,14.20), hält Paulus es im Prinzip für erlaubt, da es keine anderen Gottheiten gibt (1 Kor 8,1-6). Doch warnt er vor dem Umgang mit Dämonen (↑ diabolos) und vor allem davor, Andersdenkenden Anstoß zu geben (1 Kor 8,7-9; vgl. Röm 14).

War der Tod Jesu ein Opfer? Verbreitete pauschale Thesen werden der Vielfalt von Deutungen im NT nicht gerecht. So gibt es gelegentlich Anklänge an das Pessach (1 Kor 5,7), an den atl. Sühnekult (Röm 3,25, ↑ kipper) sowie an Jes 53 (bes. V. 10): sie gab ihr Leben / ihre Kehle als Schuldopfer (s. o. zu ascham). Wo dagegen die allgemeine Opfersprache (thysia) gebraucht wird, kann man nicht von dem breiten biblischen Sprachgebrauch absehen, dass Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und der Lobpreis für Gott die wichtigsten, von Gott gewollten Opfer sind. Dann aber ist nicht nur der Tod, sondern das ganze Leben Jesu als Opfer zu verstehen (vgl. Eph 5,2; Hebr 10,4-10). (F. C.)